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caissa schach chronik - Weltmeisterschaft

Last-Minute-Sieg für Lasker

WM 1910: Nach Campomanes' Geschmack

Nach seiner langen Pause zwischen 1897 und 1907 verteidigte Emanuel Lasker nun fleissig seinen Titel. Wiederum ein gutes Jahr nach der letzten WM trat er erneut in den Ring.

»Schach ist vor allem Kampf.«

Emanuel Lasker

Inzwischen hatte Kaiser Wilhelm II. die Daily-Telegraph-Affäre ausgelöst und damit die Stimmung in Europa weiter angeheizt. Der Grundstein Tel Avivs, der ersten modernen jüdischen Stadt in Palästina, war gelegt worden. In Deutschland wurde mit dem Postscheck das bargeldlose Zahlen eingeführt.

WM or not WM?

Schlechter und Lasker vor der ersten Partie

Schlechter und Lasker
vor der ersten Partie

1910 gab es noch keine Fide, und Campomanes und Iljumschinow waren noch nicht geboren. Dennoch fand die Weltmeisterschaft zwischen dem Österreicher Carl Schlechter und Emanuel Lasker unter eher dubiosen Umständen statt, die auch den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts zur Ehre gereicht hätten.

Den Zeitgenossen soll nicht einmal klar gewesen sein, ob es sich überhaupt um einen Titelkampf handeln sollte. Aus heutiger Sicht wird der Wettkampf jedoch eindeutig als Weltmeisterschaft angesehen.

Die Wettkampfbedingungen waren ebenso unklar. Zunächst sollte über 30 Partien gespielt werden, die dann mangels Sponsoren jedoch auf zehn zusammen gestrichen wurden. Ein Unentschieden sollte die Titelverteidigung für Lasker bedeuten.

Kuriose Partien zu bestauen

Ebenso kurios verliefen teilweise die Partien. Nachdem die ersten vier Partien allesamt mit einem Remis beendet wurden, spielte Herausforderer Carl Schlechter in der 5. Partie zunächst einen nicht übertrieben günstigen Zug und schien danach auf der Verliererstrasse zu sein.

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Doch später patzte Lasker ungewohnterweise und ermöglichte damit Schlechters Sieg und dessen Führung im Match. Manch einer glaubt, dass Schlechter aus diesem Grunde letztlich nicht Weltmeister werden wollte, da er den Titel nicht durch Glück oder das Missgeschick seines Gegners erreichen wollte. Angesichts des weiteren WM-Verlaufs gab es die wildesten Spekulationen – wie es wirklich war, werden wir wohl kaum noch erfahren.

Lasker zum Siegen verdammt

Emanuel Lasker stand nun unter Druck. Angesichts der geringen Anzahl der vereinbarten Partien durfte er sich eine weitere Niederlage praktisch nicht mehr erlauben, benötigte vielmehr dringend einen Sieg gegen den Verteidigungskümstler Schlechter.

Es kam zum umkämpften Partien, von denen besonders die siebte gutklassig war, doch auch nach neun von zehn vereinbarten Partien führte immer noch der Herausforderer.

Lasker wendet noch das Blatt

10. Partie nach 35.Tc4

10. Partie nach 35.Tc4

Die letzte Partie passte zu dieser kuriosen Weltmeisterschaft. Im 35. Zug zog Carl Schlechter statt Td8 oder auch Sd6, was ihn auf die Siegerstrasse hätte bringen sollen, Txf4. Dennoch hatte Schlechter den Titel in der Hand, bis er im 39. Zug erneut daneben griff. Statt mit der Dame auf h4 Schach zu bieten, entschied er sich für h1. Das ermöglichte Lasker den Gewinn und somit die Titelverteidigung.

Nicht nur wegen ihrer Bedeutung und Dramatik ging die zehnte Partie in die Geschichte ein. Noch Jahrzehnte später wurde sie ausführlich analysiert, z.B. von Garri Kasparow. Schlechter hatte ausgerechnet in dieser entscheidenden Partie eine neue, später nach ihm benannte Variante des Slawen auf das Brett gebracht.

Schlechter stirbt verarmt

Den Weltmeistertitel hatte Schlechter indes vergeigt. Ob er, der einen Ruf als Ehrenmann genoss, nun generös sein wollte, ob der Wettkampf überhaupt als Weltmeisterschaft geplant war, spielte alles keine Rolle mehr. Fest stand, dass Emanuel Lasker weiterhin den Weltmeistertitel beanspruchen konnte.

Carl Schlechter indes sollte nur noch wenige Jahre leben: Er starb Ende 1918 völlig verarmt in Budapest.

Klassische Weltmeisterschaften in der caissa schach-chronik

Chronik
WM
   > Klassische WM
      > Epoche 1886-1946
         > 1910

Finalergebnisse

7.1. bis 8.2.1910
Wien, Berlin
Rechte Spalte: jeweiliger Spielstand
Emanuel Lasker
Emanuel Lasker
Deutschland
Carl Schlechter
Carl Schlechter
Österreich-Ungarn
5 5
1 ½ ½ ½:½ 6 ½ ½ 2½:3½
2 ½ ½ 1:1 7 ½ ½ 3:4
3 ½ ½ 1½:1½ 8 ½ ½ 3½:4½
4 ½ ½ 2:2 9 ½ ½ 4:5
5 0 1 2:3 10 1 0 5:5

Download/Nachspielen der Partien des Zyklus

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WM-Epoche 1886 - 1946

Bis zum Tode Aljechins wählte der jeweilige Weltmeister seinen Herausforderer selbst aus. Hierbei spielten oft auch finanzielle Aspekte eine Rolle. Die Regeln der einzelnen Wettkämpfe wurden jeweils individuell vereinbart.

WM aktuell

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Radjobov ist Kandidat
Gashimov verpasst seine Chance
Vorteil Radjabov
Vorne weiter Eljanow

Aktuelle Weltmeisterschaften
im caissa schach-magazin

Quellen und mehr Informationen

Mark WeeksThe Week in ChessChessBaseBrasilBase und zahlreiche Printmedien.

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Text: Rainer Osenberg, Bilder: unbekannt (Lenin, gemeinfrei Details), unbekannt (Schlechter und Lasker, Details), Rainer Osenberg (Brett, gemeinfrei Details), unbekannt (Steinitz, gemeinfrei Details), unbekannt (Schlechter, Details)

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