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caissa schach chronik - Weltmeisterschaft

Wie gewonnen, so zerronnen

WM 1927: Ajechin siegt beim Marathon

Als José Raúl Capablanca in Buenos Aires zur ersten Titelverteidigung antrat, hatte sich die Lage in Deutschland schon wieder verschärft: Das Land ächzte unter den hohen Reparationsforderungen und stellte die Lieferungen ein, die Franzosen besetzten das Ruhrgebiet. Hitler hatte versucht zu putschen. Statt – wie zwingend vorgeschrieben – ausgewiesen zu werden, lobte man dessen „deutsche Einstellung“. Die NSDAP war zwar verboten, dafür die SS als Leibwache Hitlers ins Leben gerufen worden. Dennoch berauschten sich die Deutschen an den „Goldenen Zwanzigern“. Positives Aufsehen erregte im Jahr der WM schließlich auch Lindberghs Nonstop-Atlantikflug.

Aljechin gegen Capablanca

Aljechin gegen Capablanca in Buenos Aires

In Turnieren war Capablanca bis 1925 für viele Jahre kaum zu bezwingen. 1924 erlitt er gegen Reti seine erste Niederlage in einem Turnierspiel seit acht Jahren. Das reichte beim Turnier in New York jedoch nur zu einem zweiten Platz hinter seinem Vorgänger als Weltmeister, Emanuel Lasker.

1925 beim Turnier in Moskau lieferte Capablanca dagegen eine für seine Verhältnisse schwache Vorstellung ab und wird hinter Bogoljubow und Lasker nur Dritter. Sofort wurde seine Stellung als weltbester Schachspieler öffentlich in Frage gestellt.

Eine Art Kandidatenturnier

An potentiellen Herausforderen mangelte es in den 1920ern nicht: Es war die Zeit von Efim Bogoljubow, Akiba Rubinstein und Ernst Grünfeld, um nur einige zu nennen. Als Favoriten für eine Herausforderungen wurden allerdings Aaron Nimzowitsch und Alexander Aljechin gehandelt.

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Der Sieger des Turniers in New York 1927 bzw. der Zweitplazierte hinter Capablanca sollte das Recht zu einem WM-Match erhalten. Teilnehmer waren neben Nimzowitsch und Aljechin der frühere Vizeweltmeister Marshall, der Österreicher Rudolf Spielmann und der Slowene Milan Vidmar. Capablanca gewann überlegen. Zweiter und damit sein Herausforderer bei der WM wurde Alexander Aljechin. Wichtiger als der Gewinn des Turniers dürfte jedoch gewesen sein, dass Aljechin Capablancas hohen Preisgeldforderungen entsprechen konnte.

Aljechin war perfekt präpariert

Aljechin hatte akribisch versucht, Schwächen in Capablancas sachlichem Spiel zu identifizieren. In den bisher gegeneinander gespielten zwölf Partien hatte Capablanca fünfmal gewonnen, Aljechin nie. Bei den gemeinsamen Turnieren lag der Kubaner stets vor dem Wahlfranzosen. José Capablanca war also klarer Favorit. Viele glaubten, Aljechin würde nicht eine einzige Partie gewinnen können. Auch dass es die bis dahin längste Weltmeisterschaft werden würde, hatte wohl kaum jemand erwartet. Weltmeister sollte werden, wer zuerst sechs Siege verbuchen konnte. Bei einem 5:5 sollte dagegen Capablanca Weltmeister bleiben.

»Ein guter Spieler
hat immer Glück.«

José Raúl Capablanca

Aljechin schockte den Weltmeister gleich in der ersten Partie des Matches, das auf sechs Siege ausgelegt war, und gewann mit Schwarz gegen Capablanca, der in der 3. Partie jedoch den Ausgleich schaffte.

Aljechin demonstrierte bei dieser WM, dass er eine Menge von Capablanca gelernt hatte, konnte aber dessen Sieg in der 7. Partie nicht verhindern.

Längste Schach-WM bis dahin

11. Partie nach 28...c5

11. Partie nach 28...c5

In der denkwürdigen 11. Partie behielt Aljechin erneut mit Schwarz die Oberhand. Dann legte er sogleich mit Weiß nach und übernahm mit 3:2 Siegen erneut die Führung.

Acht Remis später gelang Aljechin ein weiterer schwarzer Sieg im 21. Spiel, das von vielen als eine der besten Partien aller Zeiten bezeichnet wird. Nun wackelte Capablancas Schachthron schon sehr bedenklich. Erst in der 29. Partie konnte Capablanca seinen dritten Punkt einfahren und auf 3:4 verkürzen.

Alexander Aljechin jedoch ließ sich die Butter nicht mehr vom Brot nehmen, gewann jeweils die 32. und 34. Partie und konnte somit Ende November nach zwei brillanten Siegen und der bisher mit Abstand längsten Weltmeisterschaft Capablanca als Schachweltmeister ablösen.

Capablanca forderte eine Revanche, die Aljechin ihm jedoch verweigerte. Er forderte vom Kubaner die gleichen Antrittsbedingungen, die auch er erfüllen sollte. Spätestens der Börsenkrach 1929 jedoch machte dieses Ansinnen unmöglich. Da sich Capablanca nach dem Wettkampf trotz der Niederlage auch noch abfällig über Aljechins schachliche Qualitäten geäussert hatte, trug sicher auch nicht eben dazu bei, Aljechin zum Entgegenkommen zu motivieren.

Klassische Weltmeisterschaften in der caissa schach-chronik

Chronik
WM
   > Klassische WM
      > Epoche 1886-1946
         > 1927

Finalergebnisse

16.9. bis 26.11.1927
Buenos Aires
Rechte Spalte: jeweiliger Spielstand, Remis zählten nicht
José Capablanca
José Capablanca
Kuba
Alexander Aljechin
Alexander Aljechin
Frankreich
3 6
1 0 1 0:1 18 = = 2:3
2 = = 0:1 19 = = 2:3
3 1 0 1:1 20 = = 2:3
4 = = 1:1 21 0 1 2:4
5 = = 1:1 22 = = 2:4
6 = = 1:1 23 = = 2:4
7 1 0 2:1 24 = = 2:4
8 = = 2:1 25 = = 2:4
9 = = 2:1 26 = = 2:4
10 = = 2:1 27 = = 2:4
11 0 1 2:2 28 = = 2:4
12 0 1 2:3 29 1 0 3:4
13 = = 2:3 30 = = 3:4
14 = = 2:3 31 = = 3:4
15 = = 2:3 32 0 1 3:5
16 = = 2:3 33 = = 3:5
17 = = 2:3 34 0 1 3:6

Download/Nachspielen der Partien des Zyklus

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WM-Epoche 1886 - 1946

Bis zum Tode Aljechins wählte der jeweilige Weltmeister seinen Herausforderer selbst aus. Hierbei spielten oft auch finanzielle Aspekte eine Rolle. Die Regeln der einzelnen Wettkämpfe wurden jeweils individuell vereinbart.

WM aktuell

Topalow droht mit Ausstieg
Radjobov ist Kandidat
Gashimov verpasst seine Chance
Vorteil Radjabov
Vorne weiter Eljanow

Aktuelle Weltmeisterschaften
im caissa schach-magazin

Quellen und mehr Informationen

Mark WeeksThe Week in ChessChessBaseBrasilBase und zahlreiche Printmedien.

Rechte an dieser Seite

Text: Rainer Osenberg, Bilder: unbekannt (Marshall, gemeinfrei Details), unbekannt (Aljechin gegen Capablanca, gemeinfrei Details), Rainer Osenberg (Brett, gemeinfrei Details), unbekannt (Capablanca, cc-by-sa 3.0 de Details), unbekannt (Aljechin, gemeinfrei Details)

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