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caissa schach chronik - Weltmeisterschaft

Die Wiedervereinigung

WM 2006: Kramnik siegt bei Toiletgate

Das bewegendste Ereignis zwischen den Weltmeisterschaften 2004 und 2006 war zweifellos der Tsunami im Indischen Ozean, der Hunderttausende Todesopfer forderte, aber auch zum Symbol einer weltweiten Solidarität wurde. Deutschland erlebte in diesem Zeitraum mit der Fußball-WM sein „Sommermärchen“ und wurde – wenn man der Boulevardpresse glauben mag – auch noch Papst. Angela Merkel wurde Kanzlerin und in deutschen Zügen wurde ein Terroranschlag vereitelt. Immerhin: Im Irak waren die erwarteten Waffen nicht gefunden worden, was Saddam Hussein nicht vor der Todesstrafe rettete.

Einmal mehr steht die Vereinigung im Raume

Nach langem Ringen und vielen Versuchen verkündete Fide-Präsident Illjumschinow am 13. April 2006, dass im Herbst die beiden seit 13 Jahren getrennten Schachwelten wieder vereint werden sollen. Im seiner kalmückischen Heimat sollten der Weltmeister im klassichen Schach, Wladimir Kramnik, und der Weltmeister der Fide, Wesselin Topalow, den Weltmeister aller Klassen ausspielen. Für eine Zeitlang blieb nun nur die Frage, ob die Ankündigung diesmal wahr werden würde. Zu oft schon waren Events vollmundig angekündigt worden, dann aber im Sande verlaufen. Diesmal aber sollten die Prophezeiungen wirklich wahr werden. Kramnik und Topalow traten tatsächlich gegeneinander an und machten auch den „besten“ Weltmeisterschaftszeiten alle „Ehre“.

Kirsan Iljumschinow

WM 2006: Iljumschinows
Prestigeobjekt

Zum Zeitpunkt der Verkündung dieser Sensation ahnte noch niemand die komplizierten Details der Übereinkunft, geschweige denn, welche Kuriositäten den Wettkampf und die folgenden Monate begleiten würden &nadsh; als weiterer Beleg dafür, warum es so schwer ist, Schachwettbewerbe zu vermarkten.

Ausgerechnet in Elista, der Hauptstadt der russischen Provinz Kalmückien, sollte der Wettkampf stattfinden. Der Präsident der Fide und Kalmückiens, Kirsan Iljumischinow, wollte sich sein Denkmal in seiner Heimat setzen. Allerdings stellte sich heraus, dass die Stadt nur unter eher abenteuerlichen Bedingungen erreichbar war. Zwischenzeitlich wurde sogar der Flughafen außer Betrieb genommen.

Die Waschräume liegen separat

Eine weiße Taube brachte die Entscheidung, dass Kramnik mit Weiß beginnt – es war das letzte friedliche Symbol der Weltmeisterschaft. Immerhin wurde (zeitweise) auch Schach gespielt.

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Die Weltmeisterschaft war auf zwölf Partien ausgelegt, bei einem Remis sollte ein Tiebreak von Schnellpartien die Entscheidung bringen. Doch am Anfang sah es nicht danach aus, als würde dies erforderlich sein. Schon in der ersten Partie errang Kramnik nach 6½ Stunden einen Sieg, nachdem Topalow mehrfach ein Remis verschmäht hatte. Noch besser für den klassischen Weltmeister lief es dann in der zweiten Partie, in der Topalow kompromisslos auf Angriff spielte. Nach einem Fehler Topalows nutzte Kramnik den Materialvorteil im Endspiel zum 2:0. Die beiden folgenden Partien verliefen etwas weniger dramatisch und endeten remis.

Was dann folgte, hätte Loriot wohl mit dem Kommentar „Auf dem Campingplatz in Bozen liegen die Waschräume separat“ oder so ähnlich versehen. Nun wurde es nämlich wirklich dramatisch: Topalows berühmt-berüchtigter Manager und „Lautsprecher“ Silvio Danailow stellte fest, dass Kramnik verdächtig häufig seine – nicht videoüberwachte – Toilette aufsuche und leitete daraus eine Manipulation ab. Damit war die Drohung verbunden, die WM abzubrechen, wenn das „Problem“ nicht am nächsten Tag um 10 Uhr gelöst sei.

Nun war das Schiedsgericht gefragt. Diesem gehörte der nicht minder berüchtigte Georgier Surab Asmaiparaschwili („Gott wollte, dass ich Champion werde.“) an. Der war nicht nur 2004 bei einer Schlägerei während der Schacholympiade festgenommen worden, sondern außerdem bei der EM 2003 des Betrugs überführt worden. Nigel Short verwies daher nicht zu Unrecht darauf, dass der Georgier für die Arbeit im Schiedsgericht völlig ungeeignet sei.

Jenes Schiedsgericht entschied schließlich, dass die beiden Spieler fortan eine gemeinsame Toilette benutzen sollten, verzichtete aber darauf, die Spieler paarweise dorthin zu schicken. Kramnik protestierte nun seinerseits gegen die Entscheidung, da die Toilettenbenutzung im Vorfeld vertraglich geregelt worden war und forderte zudem die Auswechslung des Schiedsgerichts. Kramnik begann ausserdem eine Art Sitzstreik und trat zur fünften Partie nicht an, die – durchaus konsequent – für Topalow gewertet wurde.

»Ich haben einen Stil
wie ein Streetfighter.«

Wesselin Topalow

Es kostete einige Mühe, die Affäre beizulegen. Das Schiedsgericht wurde ausgewechselt, die Ruheräume getauscht, und die 5. Partie blieb für Topalow gewertet. Kramnik spielte letztlich unter Protest weiter. Fast die gesamte Schachwelt – die Kramnik aufgrund seines wenig inspirerenden Stils nicht eben liebte – hatte sich eindeutig auf seine Seite gestellt. Das „Toiletgate“ wurde als bewusstes Störmanöver eines unzufriedenen bulgarischen Teams eingeschätzt. Die Ethikkommission der Fide erteilte Danailow 2007 einen Verweis und Wesselin Topalow, der Kramniks vermeintlichen Betrug konkreter vorgetragen hatte, einen strengen Verweis verbunden mit der Drohung, im Wiederholungsfalle für Fide-Veranstaltungen gesperrt zu werden. Was Kramniks häufige Toilettenbesuche betrifft, äußerte ein GM später die Vermutung, dass er dort heimlich rauche.

Es ging sportlich weiter

Die 6. Partie, die mit einiger Verspätung gestartet wurde, verlief deutlich ruhiger als die Ereignisse der letzten Tage vielleicht hätten erwarten lassen und endete Remis. Zur Halbzeit führte Kramnik also mit einem Punkt Vorsprung. Nun wurden die Farben gewechselt, so dass Topalow als nächstes erneut mit Weiss antrat.

10. Partie nach 23.Tc7

10. Partie nach 23.Tc7

Topalow versuchte, in der 7. Partie Druck auszuüben, kam aber nicht zu einem nennenswerten Vorteil. Dann hatte Kramnik erstmals wieder die weißen Steine und büßte damit seinen Vorsprung ein. Topalow zeigte sich endlich von seiner starken Seite und setzte bei ungleichem Material zum Mattangriff an.

Und der Fide-Weltmeister legte gleich auch noch nach! In der 9. Partie kam er besser aus der Eröffnung und nutzte Kramniks knapper werdende Zeit zu taktischen Manövern, denen dieser letztlich nicht standhalten konnte. Erstmals ging Topalow also in Führung – allerdings unter Berücksichtigung des beschämenden kampflosen Punktes.

Wladimir Kramnik aber meldete sich sofort zurück und brillierte in der 10. Partie. Nun stand es 5:5, und letztlich musste sogar der Tiebreak die Entscheidung bringen. Hier hatten beide Seiten eine Bedenkzeit von 25 Minuten. Kramnik konnte beide weißen Partien für sich entscheiden und trotzte Topalow mit Schwarz einen halben Punkt ab.

Somit hatte die Welt am 13.10.2006 wieder einen einzigen Schachweltmeister, und der hieß – vielleicht ein wenig überraschend – Wladimir Kramnik. Dies war allerdings aufgrund des komplizierten Fide-Plans nur der erste, wenn auch wichtigste Schritt zur Wiedervereinigung der beiden Schachwelten.

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Finalergebnisse

23.9. bis 13.10.2006
Elista, Russland
Rechte Spalte: jeweiliger Spielstand
Wladimir Kramnik
Wladimir Kramnik
Russland
Wesselin Topalow
Wesselin Topalow
Bulgarien
1 1 0 1:0 9 0 1 4:5
2 1 0 2:0 10 1 0 5:5
3 ½ ½ 2½:½ 11 ½ ½ 5½:5½
4 ½ ½ 3:1 12 ½ ½ 6:6
5 + 3:2 T1 ½ ½ 6½:6½
6 ½ ½ 3½:2½ T2 1 0 7½:6½
7 ½ ½ 4:3 T3 0 1 7½:7½
8 0 1 4:4 T4 1 0 8½:7½

Download/Nachspielen der Partien des Zyklus

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WM-Epoche seit 2006

2006 gelang endlich die Vereinigung der seit 1993 getrennten Weltmeisterschaften. Da eine Reihe von Privilegien und Bedingungen vereinbart wurden, erstreckten sich die Vereinigungs-WM bis 2010.

WM aktuell

Topalow droht mit Ausstieg
Radjobov ist Kandidat
Gashimov verpasst seine Chance
Vorteil Radjabov
Vorne weiter Eljanow

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Text: Rainer Osenberg, Bilder: unbekannt (Iljumschinow, cc-by 3.0 Details), Rainer Osenberg (Brett, gemeinfrei Details), unbekannt (Kramnik, Details), unbekannt (Topalow, gemeinfrei Details), Rainer Osenberg (Wiedervereinigung, cc-by-sa 3.0 Details)

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