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caissa schach chronik - Weltmeisterschaft

Anand siegt überraschend deutlich

WM 2008: Nur ein Sieg für Kramnik

Mehr als 70 Jahre waren seit der letzten Schach-WM in Deutschland vergangen, nun war es endlich wieder so weit: In Bonn fand das Match zwischen Viswanathan Anand und Wladimir Kramnik statt. Die Deutschen machten sich in diesem Jahr Sorgen um die hohen Spritpreise, der Westen über Russland und die ganze Welt über die Finanzkrise.

Wiedervereinigungszyklus - III. Teil

Auf das WM-Turnier in Mexiko 2007 folgte nun wieder ein klassisches Match, wenn auch leider wieder nur über zwölf Partien mit anschließendem Tiebreak, falls erforderlich. Beim Turnier hatte Viswanathan Anand den bisherigen Weltmeister Wladimir Kramnik entthront. Der Russe hatte immer wieder angedeutet, dass der bei einem Turnier errungene Titel für ihn zweitklassig sei. Aus seiner Sicht hatte er Anand die Schachkrone nur geliehen. Dass Kramnik überhaupt antreten durfte, lag an den 2006 beschlossenen Modalitäten der Wiedervereinigung. Darin war vereinbart, dass Kramnik im Falle eines Titelverlustes in Mexiko das Recht zur Revanche erhielt.

Anand gegen Kramnik 7. Partie

Anand gegen Kramnik 2008

Bei den letzten beiden Matches Kramniks gegen Peter Leko 2004 und Wesselin Topalow 2006 war der Russe jeweils mit einem Sieg ins Match gestartet. Allerdings hatte Kramnik seit der 2. Partie der WM 2006 auf Meisterniveau keine einzige Partie mehr mit schwarzen Steinen für sich entscheiden können, und gegen Anand war ihm ein solcher Sieg sogar noch nie bei klassischer Bedenkzeit geglückt. Die Gesamtbilanz der beiden Kontrahenten sprach allerdings leicht für den Herausforderer aus Russland.

Im Vorfeld des Matches lieferten Kramnik und Anand mäßige bis schlechte Turnierresultate ab, und mancher befürchtete schon, die beiden Spieler seien außer Form. Tatsächlich bereiteten sich beide wohl eher akribisch und punktgenau auf das alles entscheidende Match vor. Zum Glück konzentrierten sich beide darauf, so dass es – abgesehen von kleineren Sticheleien Kramniks im Vorfeld – nicht zu Psychokriegen à la Elista kam.

Fast alle Experten und Fans erwarteten ein ausgesprochen ausgeglichenes Match zweier sehr unterschiedlich veranlagter Spieler. Die Frage, die man sich stellte, bestand darin, welche Lösung Anand und seine Sekundanten für die bekannt starke Verteidigung des Russen gegen Anands nahezu einzigen Eröffnungszug 1.e4 ausgearbeitet habe.

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Anand spielt 1.d4

Die Antwort Anands war nicht ganz unerwartet, mit dem Damenbauern zu eröffnen. Doch in der ersten Partie führte zunächst Wladimir Kramnik die weißen Steine. Wer angesichts seiner Auftakterfolge gegen Leko und Topalow einen furiosen Auftakt erhofft oder erwartet hatte, wurde enttäuscht. Beide Spieler tasteten sich vielmehr trotz der kurzen Match-Dauer erst einmal ab.

Als dann Anand in der zweiten Partie mit 1.d4 eröffnete, waren viele überrascht, aber sicherlich nicht Wladimir Kramnik. Schon Peter Leko war 2004 auf den Damenbauern umgestiegen, obwohl auch er ein großer Liebhaber des 1.e4 war – wenn auch erst während des Matches. Peter Leko gehörte indes überraschenderweise diesmal zum Sekundantenstab des Russen. Anand konnte sich in dieser Partie zwar einen leichten Vorteil erspielen, hatte aber nicht genügend Zeit, diesen umzusetzen, so dass es zum zweiten Remis des Matches kam.

Drei Punkte in vier Partien für Anand

Nach dem Abtasten und der anschließenden moderaten Steigerung ging das Match nun in seine entscheidende Phase. In der dritten Partie wurde die Stellung noch einmal schärfer. Kramnik ging auf das scharfe Spiel seines Gegners ein … und unter. Der Weltmeister überraschte seinen Gegner, brachte diesen zum langen Überlegen und erzwang schließlich Fehler. Am Ende stand der Schwarzsieg Anands und damit die Führung.

3. Partie nach 16.Tg8

Typisch: 3. Partie nach 16.Tg8

Den Schrecken verdaute Kramnik auf „altrussische Art“ mit einem sicheren Remis in der vierten Partie nach dem Ruhetag. In der fünften Partie ließ sich Kramnik schließlich wieder auf die in seiner verlorenen Partie auf das Brett gebrachte Eröffnung ein. Offenbar war es ihm wichtig zu beweisen, dass Anand ihn lediglich auf dem falschen Fuß erwischt hatte. Doch auch diesmal konnte den Inder den Anziehenden offenbar noch überraschen und schließlich erneut besiegen. Wer hätte das gedacht? Zwei Punkte Vorsprung für den Titelverteidiger nach fünf Partien! Angesichts des kurzen Matches musste Kramnik nun dringend dagegen halten.

Kramniks Lage praktisch aussichtslos

In der sechsten Partie und somit zur Halbzeit des Matches fiel bereits mehr als eine Vorentscheidung. Wieder brachte Anand Kramnik aus dem Konzept. Und am Ende stand wieder der Sieg Anands. Dabei dürfte Kramnik nicht nur an des Gegners Neuerungen zu knabbern gehabt haben, sondern auch daran, dass dieser in den Gewinnpartien auf die Rochade verzichtete und statt dessen mit schöner Regelmäßigkeit mit dem Turm auf g8 zum direkten Angriff überging.

Zur Halbzeit lag der Herausforderer nun praktisch hoffnungslos mit drei Punkten hinten. Drei Siege bei drei noch ausstehenden Weißpartien waren erforderlich, um sich wenigstens noch in den Tiebreak zu retten, der aber im Schnellschach angesetzt war, wo Anand seit Jahren kaum zu schlagen war.

»Only sissies castle.«

Rob Sillars

Es dauerte zu lang, bis Kramnik endlich zu seinem Spiel fand und seinen Gegner in Verlegenheit bringen konnte. Doch in den folgenden drei Partien reichte dies nicht, um einen vollen Punkt zu erzielen, obwohl Anand nun scheinbar ein wenig Angst vor der eigegen Courage bekam.

Erst in der zehnten Partie, als der Russe schon dazu verdammt war, alle noch ausstehenden Spiele zu gewinnen, gelang ihm endlich der erste Sieg und damit die Abwendung eines völligen Debakels. Erst dreimal zuvor waren Spieler ohne eigenen Sieg im WM-Match unterlegen gewesen.

In der elften und letzten Partie griff Anand schließlich doch noch auf 1.e4 zurück und musste ja auch nicht mehr mit Russisch oder der Berliner Verteidigung rechnen, da Kramnik gegen sein Naturell mit Schwarz unbedingt angreifen musste. Das tat dieser zwar auch, aber vielleicht fehlte ihm der letzte Biss. Als Anand auf der Siegerstraße war und Kramnik nicht mehr auf eigene Chancen hoffen durfte, bot er das entscheidende Remis an. Anand hatte seinen Titel letztlich deutlicher als erwartet verteidigt.

Erfreuliches Medieninteresse

Anand sollte bereits 2009 auf seinen nächsten Herausforderer – Topalow oder Kamsky – treffen, erwirkte aber eine Verschiebung auf 2010. Wladimir Kramnik profitierte von einer weiteren Änderung: durch die Schaffung des Kandidatenturniers zur WM 2012 rutschte Kramnik über das Rating noch in den Zyklus hinein, obschon er an keiner der Qualifikationen teilgenommen hatte.

Eine Weile schien es so, als könnten das Kandidatenturnier und die folgende WM wieder in Deutschland stattfinden, doch kam es zum Bruch zwischen dem Veranstalter UEP und der Fide. So werden die deutschen Schachfreunde wohl wieder eine ganze Zeit auf die nächste WM im eigenen Lande warten müssen. Dabei bot die WM durchaus nicht nur spielerische, sondern auch organisatorische Höhepunkte. Erfreulich war auch das große Medieninteresse zur WM, die es immerhin bis in die Tagesschau und die Sportschau der ARD schaffte.

Klassische Weltmeisterschaften in der caissa schach-chronik

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Finalergebnisse

14.-29. Oktober 2008
Bonn
Rechte Spalte: jeweiliger Spielstand
Viswanathan Anand
Viswanathan
Anand

Indien
Wladimir Kramnik
Wladimir
Kramnik

Russland
1 ½ ½ ½:½ 7 ½ ½ 5:2
2 ½ ½ 1:1 8 ½ ½ 5½:2½
3 1 0 2:1 9 ½ ½ 6:3
4 ½ ½ 2½:1½ 10 0 1 6:4
5 1 0 3½:1½ 11 ½ ½ 6½:4½
6 1 0 4½:1½  

Download/Nachspielen der Partien des Zyklus

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WM-Epoche seit 2006

2006 gelang endlich die Vereinigung der seit 1993 getrennten Weltmeisterschaften. Da eine Reihe von Privilegien und Bedingungen vereinbart wurden, erstreckten sich die Vereinigungs-WM bis 2010.

WM aktuell

Topalow droht mit Ausstieg
Radjobov ist Kandidat
Gashimov verpasst seine Chance
Vorteil Radjabov
Vorne weiter Eljanow

Aktuelle Weltmeisterschaften
im caissa schach-magazin

Quellen und mehr Informationen

Mark WeeksThe Week in ChessChessBaseBrasilBase und zahlreiche Printmedien.

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Text: Rainer Osenberg, Bilder: Ygrek (Anand gegen Kramnik, cc-by 3.0 Details), Rainer Osenberg (Brett, gemeinfrei Details), unbekannt (Anand, Details), unbekannt (Kramnik, Details)

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